06. August 2020

GESUNDHEIT

Virologe wirft Regierung Versagen vor

„Das Corona-Versagen ist

teilweise unentschuldbar“

Er hat schon im Februar vor einem drohenden Desaster gewarnt und übt weiter heftige Kritik an den Regierungsmaßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. „Das Versagen der Verantwortlichen ist teilweise unentschuldbar,“ sagt Prof. DDr. Martin Haditsch aus Leonding. Er ist Facharzt für Hygiene, Mikrobioloie und  Infektiologie.


Prof. DDr. Martin Haditsch ist Facharzt für Hygiene, Mikrobiologie, Infektiologie und Tropenmedizin im TravelMedCenter Leonding und seit zehn Jahren Ärztlicher Leiter im Labor des Medizinischen Versorgungszentrums Hannover.

Er redet nicht im Nachhinein gescheit daher, sondern hat schon vor Monaten die Zeichen erkannt und angesprochen, die uns nun in eine seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr gekannte dramatische Situation mit auf Jahre hinaus unabsehbaren Folgen gebracht haben. „Seit Mitte Jänner gibt es PCR-Tests, mit denen man das SARS-CoV-2-Virus nachweisen kann,“ erklärt der Arzt und Biologe DDr. Martin Haditsch. „Und man hat gewusst, dass alte Menschen besonders gefährdet sind.“
Man hätte damals sofort alle verfügbaren Testsysteme aufstellen und möglichst viele, zuverlässige Daten sammeln müssen, sagt Haditsch.  Das sei nicht geschehen, stattdessen habe man „das Bild von der Todeswelle“, die auf uns zurollt, befeuert und Angst und Hysterie verbreitet. Reagiert habe man erst im März. Haditsch: „Hier muss man der Regierung unentschuldbares Versagen vorwerfen.“
Der Shutdown, also das völlige Herunterfahren der Wirtschaft samt den einschneidenden Bewegungseinschränkungen, mit seinen weitreichenden ökonomischen, sozialen und psychischen Folgen wäre, meint Haditsch, nicht notwendig gewesen: „Wenn es in Tirol ein Covid-19-Problem gibt, muss man nicht auch im Burgenland alles zusperren.“ Professor Haditsch: „Es ist ja paradox, dass ich mich für die mittlerweile 1,5 Millionen Arbeitslosen und Menschen in Kurzarbeit exponieren muss. Aber ich habe nicht stillhalten können.“
Ein große Fehler der Verantwortlichen sei gewesen, die schlimmen Verhältnisse in Italien, Spanien und auch Frankreich auf uns zu übertragen, „doch das hervorragende österreichische Gesundheitswesen ist mit diesen Ländern nicht vergleichbar. Das gilt auch für die USA.“ So haben beispielsweise Italien und Frankreich auf 1.000 Einwohner bezogen nicht einmal halb soviele Intensivbetten wie Österreich.
Allerdings vermisst der Leondinger Facharzt in unserem Land anderes: „Systematische Obduktionen im Zusammenhang mit Covid-10 werden nicht gemacht. Es gibt keine Durchseuchungsstudien und in den Altenheimen bis heute zuwenig Tests.“
Und was ist mit der allgemeinen Maskenpflicht? „Ich trage zwar wie vorgeschrieben eine Maske, doch auf der steht: ,Allgemeine Maskenpflicht ist Schwachsinn’. Masken bringen bei Gesunden nichts. Deshalb sollte man sie in Heimen und Spitälern konzentrieren,“ so Haditsch. „Der zentrale Punkt ist die Händehygiene. Und das gilt auch für die Grippe.“
Dass Virologen nun die Hauptberater der Politik sind, sieht Haditsch ebenfalls kritisch. In der „verworrenen Situation“ plädiert er für einen externen Krisenstab mit Epidemiologen, Gesundheitsökonomen, Ethikern, Psychologen und Psychiatern. „Doch das wird’s nicht spielen,“ so der Professor aus Leonding.